Fachtagung 

„Auf Vielfalt eingestellt. Wie Gesundheitseinrichtungen produktiv mit der Vielfalt von Beschäftigten, Patientinnen und Patienten umgehen.“


Montag, 1. Oktober 2018

Um die Gesundheitsversorgung von Migrantinnen und Migranten und die Integration von zugewanderten Fachkräfte zu verbessern, hat das Universitätsklinikum Freiburg und die Stadt Freiburg 2015 das gemeinsame Programm „Fit für den Umgang mit Vielfalt im Krankenhaus“ ins Leben gerufen. In diesen drei Jahren konnten wichtige Erfahrungen gesammelt, Impulse gesetzt sowie Ansätze für eine bessere interkulturelle Praxis erprobt werden.

Unter dem Motto „Auf Vielfalt eingestellte“ wurden diese Erfahrungen bei der gleichnamigen Fachtagung am Montag, 1. Oktober, zusammen mit verschiedensten Akteuren ausgetauscht, diskutiert und weitergedacht. Eingeladen waren Pflegedirektionen, Pflegedienstleistungen, Personal- und Qualitätsverantwortliche von Gesundheits-einrichtungen, Fachkräfte aus Medizin und Pflege sowie Haupt- und Ehrenamtliche, die Zugewanderte auf dem Weg der beruflichen Integration in den Gesundheitsbereich beraten und begleiten. Die Freiburg International Academy GmbH (FIA) war Kooperationspartner der Veranstaltung. Der ärztliche Leiter sowie Geschäftsführer Nabeel Farhan sprach zudem in dem Fachforum „Qualifizierung von Ärzt/innen mit ausländischen Abschlüssen“ über Angebote der FIA an.

„In Baden-Württemberg leben 31 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund“, sagte der Ministerialdirektor des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg Wolf-Dietrich Hammann in seiner Begrüßungsrede, „sie alle sollen dieselbe Gesundheits-versorgung bekommen wie die Menschen ohne Migrationshintergrund.“ Daher müsse eine ortsnahe Pflege gewährleistet werden – egal ob in der Stadt oder auf dem Land. „Wir brauchen mehr medizinische Fachkräfte und um diesen Bedarf zu decken, brauchen wir auch Pflegepersonal und Mediziner aus dem Ausland.“ Für die Integration der internationalen Fachkräfte sowie für eine gleichwertige Gesundheitsversorgung aller ausländischer Patientinnen und Patienten gehört die Überwindung der Sprachebarriere zu den vordringlichsten Zielen. „Integration hängt immer auch von der Sprachförderung ab“, betonte Ulrich von Kirchbach, Bürgermeister für Kultur, Integration Soziales und Senioren der Stadt Freiburg, „daher müssen wir schauen, dass die Kommunikation funktioniert.“ Die Leiterin des IQ Netzwerks Baden-Württemberg Elvira Stegnos wies in ihrer Ansprache darauf hin, dass die Fähigkeiten und Kenntnisse, die die Gesundheitsfachkräfte aus dem Ausland mitbringen, oftmals zu wenig gewertschätzt würden: „Häufig wird nur darauf geschaut, was der Mensch nicht mitbringt, weshalb viele Talente unentdeckt bleiben. Das muss sich ändern“.

Die Herausforderungen aber auch Chancen einer bunten, vielfältigen Gesellschaft waren Thema der Vorträge von Theda Borde von der Alice Salomon Hochschule Berlin und Faize Berger, Unternehmensberaterin im Bereich Health Care. Beide Referentinnen nannten als einen wichtigen Baustein die interkulturelle Öffnung. „Das gilt für alle am Prozess beteiligten Personen“, betonte die Unternehmensberaterin, „egal, ob im wirtschaftlichen, politischen oder sozialen und medizinischen Umfeld tätig.“

Wie Maßnahmen aussehen, Zugangsbarrieren abgebaut, Angebote migrationsgerecht angepasst und Personal qualifiziert werden können, debattierten fünf Experten bei einer Podiumsdiskussion. Nadia Di Bernhard-Leimgruber, Leiterin der Fachstelle Integration Solothurner Spitäler AG Kantonspital Olten, berichtete, dass die Schweizer Krankenhäuser schon seit einigen Jahren festangestellte Dolmetscher habe. Das Uniklinikum Freiburg stecke hier noch in Kinderschuhen, stellte Johanna Feuchtinger ernüchternd fest. Sie ist in der Stabstelle Qualität und Entwicklung in der Pflege des Universitätsklinikums tätig: „Monatlich geben wir 3.000 Euro für Dolmetscher aus, mehr ist nicht drin, auch wenn größerer Bedarf da wäre.“ Petra Spitzmüller, stellvertretende Geschäftsführerin der AOK-Bezirksdirektion Südlicher Oberrhein, erläuterte, warum die Krankenkassen diese Kosten nicht übernehmen. „Wir von der AOK würden die Kosten, die für Dolmetschertätigkeiten entstehen, begleichen. Doch nur, wenn alle Kassen dafür aufkommen.“ Und das sei noch nicht einheitlich geregelt.

Es ging aber auch um Themen wie Rassismus in Gesundheitseinrichtungen. „Bei uns am UKE arbeiten rund 11.000 Menschen, etwa 20 Prozent davon haben rassistische Einstellungen“, gab der Leiter der Arbeitsgruppe Migration und Gesundheit des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf Niels-Jens Albrecht zu, „wir versuchen in Workshops und Gesprächen diesem Problem Herr zu werden.“ Dass das nur bedingt gelingt, wusste Ingrid Rothe-Kirchberger von der Landesärztekammer Baden-Württemberg zu berichten. Die Psychoanalytikerin konnte aus einem reichen Erfahrungsfundus Beispiele benennen, die ihre Aussage unterstrichen.

Am Nachmittag wurden verschiedene Fachforen angeboten, wozu sich die Teilnehmenden für eines von sieben entscheiden konnten. Das Forum „Qualifizierung von Ärzt/innen mit ausländischen Abschlüssen“ wurde von Nabeel Farhan abgehalten. Er weiß aus eigener Erfahrung, mit welchen Problemen die internationalen Mediziner zu kämpfen hätten, erklärte der aus Mekka stammende Neurochirurg den Forumsteilnehmenden. Als der Arzt noch an der Uniklinik Freiburg tätig war, musste er erst lernen, welche Umgangsformen mit Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen angebracht sind und welche nicht: „Ich habe mich am Telefon beispielsweise immer mit ‚Einen wunderschönen guten Morgen, hier spricht Dr. Farhan von der Uniklinik Freiburg,‘ gemeldet, auch wenn ich eine sehr schlechte Nachricht überbringen musste‘“. Ihm war nicht klar gewesen, dass die Begrüßung im Kontext mit der übermittelten Nachricht unangebracht war. „Das sind alltägliche Aspekte, die man wissen muss, um einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen.“ Deshalb werden Fachkompetenz, Kollegialität und Administration in den FIA-Qualifizierungsangeboten gleichermaßen vermittelt. Die Allgemein-, die Fachsprache, das deutsche Gesundheitssystem und die deutsche Krankenhauskultur müssen die Teilnehmenden der FIA-Kurse beherrschen: „Das ist unser Anspruch.“

Die Zahnärztin Martina Braun, die im Klinikum der Universität München (LMU) am Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin tätig ist, hat das Projekt MED-International vorgestellt. MED-International bietet ähnlich wie die FIA für ausländische Ärztinnen und Ärzte Vorbereitungskurse auf die Kenntnisprüfung an. Da aktuell erst der dritte Kurs läuft, konnte Martina Braun noch keine Aussagen zu Erfolgsquote und Teilnehmenden machen. Nabeel Farhan hingegen schon: „In den ersten Jahren lag die Durchfallquote bei der Kenntnisprüfung aller FIA-Teilnehmender bei vier Prozent, mittlerweile ist sie auf 16 Prozent gestiegen“. Der hauptsächliche Grund dafür liegt in den langen Wartezeiten bis zur Approbationsprüfung, die oftmals ein Jahr oder länger dauert. Bis dahin hätten die Teilnehmenden das Erlernte größtenteils vergessen. Weshalb Nabeel Farhan für Prüfungstermine plädierte, die zeitnah am Kursende liegen. Martina Braun empfindet die langen Wartezeiten nicht unbedingt als Fehler an, sondern als „einen Zugewinn“. Denn während der Zeit des Wartens könnten die ausländischen Ärztinnen und Ärzte an Kliniken hospitieren und lernen somit weiter. Dem widersprach Nabeel Farhan. Die Medizinerinnen und Mediziner dürfen während einer Hospitanz nicht alle Aufgaben und Untersuchungen wie ein approbierter Arzt durchführen, weshalb das Fachwissen schwinde. „Hospitationen sind wichtig, aber sie dürfen kein Dauerzustand werden“, so Nabeel Farhan.

Fünf bis sieben Prozent der FIA-Kursteilnehmer gehen nach Bestehen der Kenntnisprüfung in ihr Herkunftsland zurück, wusste der saudiarabische Arzt außerdem zu berichten. Diese Zahl kam Theresia Denzer-Urschel, Geschäftsführerin Operativ der Bundesagentur für Arbeit Freiburg, gering vor: „Generell ist der Transfer von Wissen eine gute Sache, aber wir von der Agentur erreichen nur sehr wenige EX-Teilnehmende und müssen uns dann schon fragen, wo sie abgeblieben sind und ob sich die Finanzierung gelohnt hat“.

Um eine bessere Teilnehmenden-Nachverfolgung sei auch die FIA interessiert, weshalb es ein Alumni-Team gibt, welches sich um die Ehemaligen kümmere, so Nabeel Farhan.

Zum Abschluss der Fachtagung wurden die Ergebnisse der einzelnen Fachforen präsentiert. Dabei ist deutlich geworden, dass sich vieles auf einem guten Weg im Hinblick auf die Vielfalt in den Gesundheitseinrichtungen befindet, aber auch noch einiges getan werden muss, damit sich sowohl die ausländischen Patientinnen und Patienten als auch die ausländischen Gesundheitsfachkräfte optimal versorgt und integriert fühlen.

Text: Barbara Meyer